backe-mail
Paradis und Hölle
Kokospalmen, weisser Strand und türkisches Meer, vier Sterne Hotels, dies ist das Kuba, in welches sich die Touristen bräunen gehen. Die Schattenseite ist deutlich weniger idyllisch.
In Varadero wachsen die Vier Sterne Hotels wie Pilze im Wald. Es ist genial hier! Man isst Languste und die Strände sind fabelhaft, hört man rund um die Schwimmbäder. Ausländische Investoren und die kubanische Regierung haben es sehr gut verstanden: Sea, Sex, Languste and Sun, sind sichere Werte.
Aber Varadero ist nicht Kuba, nur ein künstliches Paradies, ein abgelegenes Lager, ein leidlich grobes Lockmittel und die Kubaner, die man dort trifft, sind etwas gar zu freundlich, ein bisschen zu sehr vier Stern Hotel. In Wirklichkeit durchlebt das Land die Stunde des Mangels und des sich durchkämpfen.
Der Sturz der Ex-UdSSR hat das amerikanische Embargo, im Mythus des Triumphes, der Revolution ein Ende gesetzt. Seit August 1990 ist Kuba in die spezielle Periode der Friedenszeit eingetreten, mit anderen Worten, in den Mangel, den Hunger und in die Repression.
Havanna, 9 Uhr morgens. Die Stadt erwacht in einer sinnlichen Art der Nachlässigkeit. Die Sonne streichelt die pastellfarbenen Töne der Kolonialhäuserfassaden.
Die Altstadt, Calla del Obispo, belebt sich nach und nach. Die Kubaner reihen sich vor den Bodegas ( Staatsläden, in denen sie sich dank Ihren Rationierungsnotizbüchern mit dem Nötigsten versorgen) auf, während die Busse ihre Touristenschwärme ausschütten.
Fotoapparat umgehängt, flanieren sie auf den Strassen unter dem wachsamen Auge eines offiziellen Führers. Die Zeit scheint in Havanna in den bezaubernden Fünfzigern stehen geblieben zu sein.
Die Touristen himmeln die rosa und bonbonfarbenen Chevrolets und Buicks dieser Epoche an und schleichen sich mit Genuss an den frisch verputzten Wänden vorbei und können nicht widerstehen, diese
alte Frau zu photographieren, welche wie auf einer Wolke von Salsa inmitten der Strasse und einer Zigarre im Mund tanzt...
Aber warum fragt sie nach einer Seife? Und der Junge da mit seiner unfehlbaren Uniform, warum ist er so klebrig wie der Kaugummi um den er bettelt?
Der Reiseleiter mit seinem präzis aufgesetzten Lächeln eilt hervor, um diese kleine Welt zu verjagen und verstrickt sich danach in verworrenen Erklärungen. Nicht vorgesehene Begegnungen im Tagesablauf, welche von einer anderen Realität zeugen; Kuba ist im wirtschaftlichen Chaos und am Rande des moralischen K.-O.
Der Unterstützung in Rubeln entzogen, macht die Regierung von jetzt an den Dollars sanftsüsse Augen.
Ab 1993 erlaubt sie den Besitz der grünen Scheine, damit gibt Fidel Castro grünes Licht zum Höllenlauf, in welchem nur die Stärksten als Sieger hervorgehen. Kuba ist übrigens das einzige Land, welches drei Währungen besitzt: Der Peso ( nationale Währung), der "umtauschbare" Peso ( entspricht einem Dollar) und der Dollar. Mit anderen Worten, keine Begrüssung ohne Dollar. Jeder Kubaner kann es bestätigen.
Der Arzt, der am Abend zum Taxifahrer wird; die Studentin, welche sich prostituiert, bis zum kleinen Schlingel, alle haben nur ein Wort im Munde: Dollar. Sechs Buchstaben welche ein besseres Leben symbolisieren.
Der unbestrittene Meister in diesem Nationalsport bleibt die Regierung, die es verstanden hat, dass der Tourist alles Cash und in Dollars bezahlt, und somit der beste Lieferant dieser Devise ist.
Bieten wir ihm also etwas an, um auszugeben! So Hemingway, der unter den sicheren Werten zählt... Sein freundlicher Geist treibt sich in jeder Strassenecke herum und die Regierung nutzt dies schamlos aus.
Der Hausbesuch des berühmten Schriftstellers gehört zu den Klassikern: 3 Dollars um festzustellen, dass das Innere des Hauses den Besuchern und den Liebhaberphotographen verboten ist. 5 Dollars für EIN Photo nach Genehmigung des Direktors.
Für andere ist der Tourismus auch ein Mittel, dem Hunger ein Ende zu setzen. Diese Meister der Altstadt, diese Champions im Überleben, die dem Reisenden ins Ohr träufeln: "Zigarren, Rum, Paladar" Die Paladars sind kleine Stammtische, welche für die Touristen auf Genehmigung der Regierung geöffnet sind.
Drei Wörter, die man in allen Strassenecken hört. Der Tourist und seine Dollars werden in der ganzen Stadt verfolgt... dieser Zustand ist aber nichts, verglichen mit dem der Kubaner. Nicht der Kubaner in Varadero, nein, aber derjenige, der Ihnen seine Ratlosigkeit ohne zu jammern anvertraut. Derjenige, der viel riskiert, wenn er Ihnen das wahre Gesicht des Geschehens offenbart.
In Kuba braucht man ein enormes Vorstellungsvermögen und Mut um genug zum Überleben zu verdienen. Nicht leicht den Taxifahrer zu machen, wenn man Sohn vom Botschafter ist, Fisch zu verkaufen nach zehn Jahren Medizinstudium oder sich als Klempner durchzuschlagen, wenn man Strassen- und Brückeningenieur ist. Der Dollar diktiert sein Gesetz und Fidel das Seine.
Jede Tätigkeit, die es einem erlaubt, Dollars einzukassieren, ist verboten und die Strafmassnahmen sind da um einen daran zu erinnern: Übertretungen, Haus- oder Autobeschlagnahme, Gefängnis selbst für die, die sich dem Schwarzmarkt hingeben; fünfundzwanzig Jahre für ein Kilo Fleisch, macht das Beefsteak teuer. Es ist das einzige Land, wo ein Rind zu töten schlimmer ist, als einen Menschen. Wie soll man dieser höllischen Spirale entfliehen?
Manche haben die Verbannung nach Florida gewählt, das Meer auf Lastwagenschläuchen überquerend. Andere ertrinken in den Wellen des Rums. Die Mehrheit überlebt im Rhythmus des Salsa. Dieser leichte, schmachtende Salsa ist wie ein Kuss auf dem Malecon. Tanzend versuchen die Kubaner die täglichen Erniedrigungen zu vergessen, und wenn Manolin, der unverbesserliche Sänger "Doktor Salsa" zu teuflisch heissen Rhythmen auftritt, sind das Stunden, um die Realität zu betäuben.
Vergessen sind die Schlangen vor den leeren Geschäften, vergessen, das tägliche Warten auf die übervollen rosa Camelios, welche die schwarzen Schafe der Kubaner geworden sind. " In einem Camelio bist du so eingepfercht, dass man Schwanger wird ohne es zu bemerken", sagt Veronica in diesem typisch kubanischem Humor.
Die Eigenschaft, über sich selbst zu Lachen genügt nicht immer, um den Alltag, schwer wie ein Hinkelstein, zu ertragen. Man versucht, die Zeit eines Nachmittags, der Angst und der Langeweile zu entfliehen, indem man an die Strände von Santa Marìa, ungefähr 20 Kilometer östlich von Havanna geht.

Um dort hinzukommen, organisiert man sich irgendwie, die Mehrheit tut sich in Gruppen zusammen, und teilt das Geld fürs Benzin unter sich auf. Ein Abenteuer mit Veronica am Steuer. Auf der "Blanca", die zum Strand von Santa Marìa führt, fahren die Autos in Begleitung eines Lärms wie Pfannen; gerade als wir die ersten Palmen kreuzen, werden wir von einer Polizeisperre der speziellen Brigade des Innenministeriums angehalten.
Veronica ist in Schrecken versetzt. Die Polizei lässt uns auf ihr Zeichen hin anhalten. "Dokumente des Fahrzeugs" schnauzt er mit starrem Gesicht und mit forschendem Blick prüft er den Ausweis auf all seine Nähte. Veronica riskiert eine Geldstrafe von 1200 Pesos, das sind sechs Monatslöhne, oder die Beschlagnahme des Autos, weil sie Touristen begleitet. Wir haben aufgehört zu atmen. "Alles in Ordnung, entschuldigen sie die Störung."
Veronica legt den ersten Gang ein und uns platzt ein nervöses Lachen heraus. Wir müssen durch mehr als zehn solche Sperren um endlich am Strand anzukommen, wo ein Polizist beauftragt ist, die Kubaner zu kontrollieren, dass sie ihre Autos nicht an Touristen vermieten.
"Diese Strassensperren veranschaulichen gut, welch psychologischen Druck wir täglich ausgesetzt sind", erklärt Veronica. Damit ist auch alles gesagt.

Wenn das Leben der Städter auch schwer ist, das der Bauern ist es noch viel mehr. Dem Einkommen des Tourismus verwehrt, überleben die Bauern in den Tag hinein, im Rhythmus des Mangels an grünen Scheinen und Elektrizitätsunterbrüchen.
Auf der Autobahn, die zur Region von Pinar del Rio führt, die Erde des Tabaks par exellence, kreuzen wir Reiter und Pferde, Bodenwellen, Fussgänger, Velofahrer, aber keine Autos, die sind verschwunden. Nicht etwa aus ökologischen Gründen, sondern weil es seit langem keinen Tropfen Benzin mehr gibt. Es ist praktisch unmöglich, sich von einem Dorf zum anderen zu bewegen.

Glücklicherweise sind da diese Leute in Gelb, die Amarillos, welche diejenigen Lastwagen anhalten, die sie dank ihrer leeren hinteren Plattform zum Buss umzubenennen. 30 Kilometer ausserhalb von Pinar del Rio gibt es dieses Tal (Vinales), das aussieht, wie nach der ersten Nacht der Erde.
Häuser mit Strohdächern, Ochsenkarren, Märchenlandschaften... Es lohnt sich vor dem Einbruch der Dunkelheit dort anzukommen, weil man dort vorbeifahren könnte ohne seine Existenz zu bemerken.
Die traurig berühmten "Apagones"(Stromunterbrüche), begraben die Häuser in der Dunkelheit. Einige Öllampen scheinen unter den Strohdächern, aber die Mehrheit der Dorfbewohner haben nicht genug Geld für dieses "heilsame" Öl.

Trinidad: Hymne der Schönheit. Koloniale Häuser in einzigartigen Farben sind durch die Unesco in die Klassierung "Heimatschutz der Menschheit" aufgenommen worden. Welch ein Vergnügen sich in den gepflasterten Gassen zu verlieren und sich die Knöchel zu verdrehen, sich tragen lassen von der romantischen Nachlässigkeit dieser Stadt, auf die Zeit keinen Einfluss zu nehmen scheint. Einige Touristen in Begleitung ihrer übermässig geschminkten Begleiterinnen, flanieren Hand in Hand.
Im ganzen Land hat der Tourismus und seine Dollars eine anarchische Prostitution wieder aufleben lassen, welche mit dem "Triumph der Revolution" im Jahre 1959 verschwunden war. Die Jineteras (Prostituierte), Studentinnen oder Bäuerinnen, blühen im Rhythmus des Dollars auf.
Noch schlimmer sind die europäischen Pädophilen, die sich völlig unbestraft junge Buben umwerben, für eine Handvoll Dollars.
Die letzte Veränderung und die neue Geissel, welcher Kuba wird trotzen müssen; der Tourismus wirft Kuba an den Zeitpunkt zurück, in dem das Land vor der Revolution war: " das Puff Amerikas".
Originaltext in Französisch von Barbara Castello ( L'Illustré); Übersetzung und Bilder: Markus Wechsler